Stürme und Irritationen – Das Bürohaus „AdA 1“

„Hamburg sehnt sich nach einer Weiterführung seiner spezifisch modernen Architektur – ob mit oder ohne Backstein. Das Bürohaus AdA1 ist eine Hamburgensie der unbekannten Art, das schwarze, pardon, weiße Schaf der Familie.

Ja, es gibt bisweilen Stürme auf der Alster, heftige, unkalkulierbare Fallwinde und so manchen Segler hat´s gerissen und er ist gekentert, was auf der Außenalster nicht in jedem Fall lebensgefährlich ist. Stürmische Kommentare, Lästereien gab es auch zu „Ada 1“. Das Kürzel steht für „An der Alster 1“, eine Adresse, die man vermutlich auch mit einem Zelt besetzt verkaufen könnte, wenn der Leitsatz der Immobilienkaufleute von der „Lage, Lage, Lage“ Ausschließlichkeit besäße. Tut er aber nicht ganz: Denn hier, an der Sechslingspforte und der Straße An der Alster, sehnt sich das kreative Hamburg nach einem hanseatischen Baukultur-Statement. Ohne endgültig zu wissen, was das denn sein könnte.

Der Sturm der Entrüstung bezog sich noch vor Fertigstellung auf die Verletzung des hanseatischen Baukodex´. Hatte etwa der Architekt die Contenance verloren? Nein, der Berliner Architekt Jürgen Mayer H. hatte sich in einem ordentlichen Verfahren gegen die üblichen Verdächtigen im Hamburger Kontorhausbau durchgesetzt – man muss die Namen nicht nennen -, aber Beispiele der Konkurrenz haben an der Rolandsbrücke oder in den Hohen Bleichen durchaus bewiesen, wie sie die derzeitige Erneuerungs- und Verdichtungseuphorie der inneren Stadt bewältigen wollen: als artifizielle Weiterführung des bekannten Stahl-Metall-Amalgams. Wenn ein Hauptstädter mit Lehrverpflichtung an die Columbia Universität in New York den Lokalmatadoren vorgezogen wird, dazu in der Fassade gewaltige Wellen schlägt, die, wenn man ihm böse wollte, zwischen Waschmaschinendesign und Siebziger-Jahre-Effekthascherei schwankt, ist statt seriöser Kritik reine Häme angesagt. Über die vorgeschobene Diskussion „Darf dat dat?“ wurde dann übersehen, dass der Diskurs um das Hamburger Kontorhaus einen schönen, ja, anregenden Schlenker geschenkt bekommt, und der trägt drei Überschriften: „1. Eine Fassade ist ein dreidimensionales System!“, „2. Wir bauen Produkte und keine Projekte!“, „3. Wenn Hamburg sich nicht um die Architekten der sechziger und siebziger Jahre kümmert, beweist dieser Neubau, dass es ein Fehler ist!“

Was die Kleiderordnung, also die strenge Alsterverordnung betrifft, ist alles im Lot und dennoch wissen wir, dass – wie beim Alster-Tor der Europapassage – die Einhaltung der Regeln allein keinen Erfolg garantiert. AdA1 geht nicht den Weg der Anpassung, sondern pointiert in einem gesetzten Rahmen durch Fragezeichen. Als „Stadtmöbel“ oder „Objekt“ wurde es diffamiert, andere sahen in der Überlagerung der Fassadenschichten eine falsche Typografie. „Wir lösen gerne gewisse Irritationen aus“, sagt Jürgen Mayer H. dazu – bisweilen eben Stürme. Aber sein Ansatz ist logisch und geradlinig: ein modernes Tor für die Stadt zu markieren, das wunderbare Panorama in das Haus hineinzuziehen und einige Fenster als „Augen“ buchstäblich nach außen treten zu lassen.

Die Fassade: Mehr als die Trennung zwischen innen und außen

Die Architekten (die Arbeit in diesem Büro ist immer Teamarbeit, auch wenn es nicht immer deutlich wird, weil das Büro den Namen des Inhabers trägt) gehen dabei akkurat und präzise vor, leisten den schwierigen Parcours der Energieeffizienz durch einen zweischaligen Glasaufbau und integrierte Sonnenschutzlamellen. Die abgerundeten Fensterteile sind zwar nicht zu öffnen, dafür aber die anderen. Die auffälligen Augen-Konstrukte können betreten werden, sind vor der Wand hängende Alkoven, weiten den Raum auf. Außen verleihen sie Plastizität, die die Fassade in der Nahaufnahme zu einem Relief werden lässt. „Wir wollten zeigen, was in fünfzig Zentimetern Außenfassade auch ideell stecken kann“, sagt Jürgen Mayer H. Und dieses Schichtungsmodell der optischen und technischen Aperçus ist es, das überzeugt, nicht der ursprüngliche Gedanke, mit den „Bullaugen“ maritime Beziehungen zum Ausdruck zu bringen. Dieses Motiv ist inzwischen in Hamburg auf dem Grabbeltisch der ausgedienten Ornamente gelandet und eignet sich deswegen gut als Totschlagargument“, weil es endlose alberne Versionen davon gibt.

„In der Architektur dient jede Fassade der Trennung zwischen innen und außen“, hat Jürgen Mayer H. in einem Interview gesagt, „abgesehen von der rein thermischen Trennung muss die Fassade dann auch entscheiden, welche Informationen sie zugänglich oder sichtbar macht und welche nicht. Fragen von Intimität und Präsenz im öffentlichen Raum. Aus dem strategischen Muster wird ein strategisches Ornament für das Gebäude, das Daten und Informationen kontrolliert oder schützt. Das ist es, was mich interessiert.“

Diese Schichtung, diese Signale sind es, die den Fassadendiskurs endlich wieder einmal in Schwung bringen. Die Vermischung von innen und außen durch Fassadenschichten, die nach außen durchlässiger und poröser werden; oder die kontinuierliche Oberfläche, in deren dicken Wand- und Deckenquerschnitten Funktionen wie Licht und Heizung untergebracht werden – darum geht es, nicht um optische Signale.

Projekt oder Produkt oder einfach nur die falsche Frage?

Und es geht um eine andere Art und Wiedervereinigung von innen und außen: „Vertraute, Maßstab gebende Elemente – wie Türen, Fenster, Treppen – werden versteckt, vergrößert oder verfremdet. Dadurch könnten die Gebäude ebenso gut Möbel sein oder riesige Objekte.“ Es entsteht eine doppelte, mehrfache Lesbarkeit der Arbeit, die er lieber Produkt als Projekt nennt. „Wenn ein Gebäude unterschiedlich nutzbar, mehrfach lesbar und interpretierbar ist“, so Mayer H., „dann ist es erst richtig reif.“

Möglich, dass Hamburg sich damit schwer tut. Vielleicht auch deswegen, weil den meisten selbst ernannten Kritikern der Zutritt bisher nicht möglich war oder zu aufwendig erschien. Außen handelt es sich um eine Brüstung aus Porenbetonelementen, auf die Putz mittels einer speziellen Bewährung aus Glasfasermatten aufgetragen wurde. Das wirkt eleganter als Béton brût und erzeugt eine glatte Verpackung des Hauses. Jürgen Mayer H. ist konsequent, zieht Putz und das Diktat der Rundungen innen durch. Er schweißt außen und innen zu einer Produkteinheit zusammen. Sehr akkurat und maßstäblich exakt wie Designer setzen die Architekten Trennwände, die den Kulleraugenlook von außen übernehmen. Unterstützt wird dieser Effekt noch durch die abgerundeten Kassettendecken-Elemente. Wäre dieses Bild nicht genauso abgegriffen wie das Dampfermotiv – Bully Herbig könnte für die nächste Episode von „(T)raumschiff Surprise“ das Team fürs Szenenbild gewinnen. Ist der richtige Moment im manchmal trüben Hamburger Wetter gekommen, dann schwebt hier optisch alles im Alsterlicht, und die Alster scheint die Designertische zu überfluten.

Mit der Raumschiff-Metapher handelt sich der Architekt natürlich eine Frage ein, die zur Jahrtausendwende beliebt war: Hegt auch er einen Hass auf Euklid und das überkommene System von Balken und Stütze und fordert immaterielle, selbst tragende Netzkonstruktionen? Mayer H. pariert die Sehnsucht nach der fließenden Hausillusion so: „Selbstverständlich wollen wir den Fluss, und die maritimen Motive haben damit zu tun.“ Es sei gelungen, mit Euklid aus den Wänden und Decken ein selbsttragendes offenes Tragwerk zu zelebrieren, das innen alles Räumliche fördert und nicht unterteilt. Aber dem Allraum stehen natürlich Bürozwänge gegenüber, und so sind beim Hauptmieter in die meisten Etagen Bürozellen für ein bis vier Mitarbeiter eingestellt. Das Bizarre und Unwirtliche dieses Zartbitter-Milieus aus Weiß, Weißgrau und Grünlich-Weiß ist natürlich nicht die Hülle für Hamburger Notare oder Shipping Agents; hier wohnen Werber, jene Berufskaste, die das Phänomen von Corporate Identity mit der Muttermilch eingesogen hat. Und in Hamburg gibt es genug davon. Diese hier haben Extravaganzen wie einen acht Meter langen Konferenztisch aus dem Designzaubermaterial Corian akzeptiert wie auch speziell angefertigte Schränke, Hocker und andere Tische. So wird das Haus zum Gesamtkunstwerk – zum perfekten Produkt.

Seventies reloaded? Nein – es ist viel mehr: die kritische Rekonstruktion jener Jahre

Das führt noch einmal ins Reich der Seventies. Es gibt in der Rezeption dieser Zeit mindestens zwei Züge: einen rein funktionalen, spät-spät-modernen und ziemlich ungeliebten – anzutreffen überall dort, wo die Buchhalter sind. Der andere ist mit dem Namen Verner Panton verbunden. Nicht mit dessen grellbunten Attitüden aus der süffisant-provokanten Spiegel-Kantine, sondern mit seinen uterus-ähnlichen Schutzräumen und ineinander laufenden Decken, Wänden und Böden wie Höhlen. Jürgen Mayer H. mag solche Räume und steigt in die Siebziger-Jahre-Debatte doch anders ein, und seine Argumente sind von Nachgeborenen besser als von durch diese Epoche geschädigten Planern, Architekten oder Journalisten zu verstehen. Für Mayer H. war das positivistische Zukunftsgefühl jener Jahre wichtig, und wenn er sich mit dem Stilgut der siebziger Jahre auseinandersetzt, dann ist es die Symbolik, nicht die oberflächliche Zeichenhaftigkeit: „Ich hatte sehr früh ein Faible für die Diagonalität der 45-Grad-Ecken, sind sie doch ein Zeichen des Protests gegen den 90-Grad-Winkel, den rechten Winkel.“

Nun ja, das alles mag für Verfechter der hanseatischen Moderne fremd bleiben. In einem ist Jürgen Mayer H. allerdings ganz auf der Seite der Hamburger architektonischen Platzhirsche: Ein Hochhaus würde ihn sehr interessieren. Ein Hochhaus werfe andere Fragen nach den Räumen, den Beziehungen und Maßstäblichkeiten auf. Ein Hochhaus nehme durch die unterschiedlichen Distanzen ganz verschiedene Beziehungen zu seiner Umgebung auf. Das war auch schon ein oder das AdA-Thema, denn dieses Haus ist zoom-geeignet. Immer wieder überraschend aus der Fußgänger-Distanz oder aus der schnellen Autofahrerperspektive, am besten aus der ruhigen Bewegung eines Alsterdampfers mitten auf dem Wasser. Dann entwickelt AdA 1 Kraft, fördert Neugier und wächst in die Rolle eines Vorpostens des verdichteten Hamburgs im Wallgebiet hinein – so wie es der zu Unrecht gescholtene Affenfelsen auf der anderen Alsterseite in seiner Rolle als Stadtskulptur am Wasser tut. Ein Stadtmöbel der besseren Art. Wenn nun Jürgen Mayer H. ein hohes Haus bauen dürfte und alles noch um eine Dimension sich verstärkte, würde aus dem Sturm ein Orkan der Ablehnung? Wahrscheinlich nicht. Denn jeder Sturm hat ein Ende, das Haus steht und gewinnt mehr und mehr Freunde, nicht nur beim Bauherrn, beim Eigentümer und den Nutzern; auch der eine oder andere freundliche Kommentar von Mann und Frau auf der Straße ist zu hören – Hamburg gewöhnt sich daran, mutiger zu werden!“

Quelle: Architektur in Hamburg Jahrbuch 2008